Understanding Russia's Perspective on Ukraine
Warum versteht ihr im Westen nicht, was Russland in der Ukraine eigentlich
will?
Nun,
ich erkläre es euch.
Und ich erkläre es euch nicht mit Politik, nicht mit Karten, nicht mit
Verträgen, nicht mit Gipfeln.
Ich erkläre es euch mit etwas, das tiefer liegt als all das.
Mit dem, was Russland ist.
Denn wer Russland nicht versteht, versteht auch nicht, was es in der Ukraine
will. Und um Russland zu verstehen, beginnt mit drei
Zahlen.
Neunzig Regionen, rund hundert Amtssprachen, mehr
als hundertvierzig Kulturen. Das ist Russland.
Der größte Vielvölkerstaat Europas.
Ein Land, in dem Zusammenleben nicht diskutiert,
sondern einfach gelebt
wird. Und ausgerechnet dieses Land soll sich vom
Westen
erklären lassen, was Völkerverständigung bedeutet.
Also wirklich.
Nehmen wir Tatarstan, die Hauptstadt Kasan.
Orthodoxe Kathedralen und Moscheen stehen dort seit Jahrhunderten fast Tür
an Tür. Tatarisch und Russisch sind beide
Amtssprachen,
gleichberechtigt, nebeneinander, selbstverständlich.
Niemand fragt dort, ob ein Minarett zu unserem Stadtbild
passt.
Es gehört dazu. Es war schon immer da.
Oder Dagestan, eine einzige Republik am Kaukasus mit
über dreißig eigenen Sprachen. Dreißig.
In manchen Tälern spricht das eine Dorf eine Sprache, die das Nachbardorf nicht
versteht. Und das seit Jahrhunderten, ohne dass diese Sprachen
ausgerottet, verboten oder assimiliert wurden.
Sie werden gepflegt, sie werden in Schulen unterrichtet,
sie leben.
Und es geht weiter. Burjatien und Kalmükien, buddhistische
Republiken mitten in Russland. Die jüdische autonome Region
Birobidschan im fernen Osten. Jakutien, größer als Indien,
mit der Sprache und Kultur der Sacha.
Vier Weltreligionen: Orthodoxie, Islam, Buddhismus,
Judentum, sind hier seit jeher Teil des Landes,
nicht geduldete
Zugewanderte. Und jetzt der Punkt, der all das vom westlichen
Modell unterscheidet. Diese Vielfalt ist hier keine
Integrationsaufgabe. Sie ist kein Projekt,
kein Förderprogramm mit Verfallsdatum.
Sie ist einfach der Normalzustand seit Jahrhunderten.
Wenn ich hier durch die Straßen gehe, sehe ich Menschen mit slawischen,
tatarischen, kaukasischen, asiatischen Gesichtern und
niemandem fällt das auf. Niemand fragt: "Wo kommst du eigentlich her?"
Man gehört dazu, weil man hier lebt, hier arbeitet, hier seine Kinder
zur Schule schickt. Nicht, weil man einen Herkunftsnachweis besteht.
Gemischte Familien sind hier so normal, dass es nicht einmal ein Wort dafür
braucht. Ein Russe, der eine Tatarin heiratet.
Ein Dagestaner, dessen beste Freunde Russen und Armenier
sind.
Das ist kein Symbol für gelungene Integration. Es ist Dienstag.
Und jetzt stellt euch vor, wie das auf uns wirkt,
wenn wir nach außen schauen.
Als sich die Ukraine nach der gewaltsamen Machtübernahme in Kiew gegen die
russische Ethnie stellte, als dort Sprache und Kultur von Millionen
Menschen verboten wurden, was denkt ihr, was wir Russen darüber gedacht
haben? Wir, die in einem Land leben, in dem hundert Sprachen
Amtssprachen sind, sahen zu, wie ein Nachbarland eine einzige
Sprache zum Feind erklärte. Das war für uns unvorstellbar.
Es ist es bis heute. Oder schaut nach Estland, nach Lettland,
nach Litauen. Dort sind Millionen Menschen von Geburt an
Nicht-Staatsbürger, weil sie einer anderen Ethnie abstammen.
Menschen, die dort geboren wurden, deren Eltern dort geboren wurden
und die keine Staatsbürger werden dürfen.
Lest das noch einmal langsam. In der Europäischen Union gibt es
Menschen zweiter Klasse, definiert durch Abstammung.
Für uns Russen ist das absolut unverständlich.
Nicht empörend im politischen Sinn, unverständlich.
Als würde man uns erklären, Wasser sei trocken.
In der EU kann man über Menschenrechte diskutieren, sie abwägen,
aufschieben, relativieren, je nachdem, wem sie gerade nützen.
In Russland leben wir die Vielfalt einfach.
Und der Schutz der Identität eines jeden Volkes steht hier über
politischen Machtinteressen. Denn das ist,
was wir wissen und woran wir glauben.
Keine Ethnie darf sich über eine andere erheben.
Keine darf die andere dominieren.
Nicht die Sprache, nicht die Kultur, nicht der Glaube.
Das ist keine Regierungserklärung.
Das ist die Lebenserfahrung von hundertvierzig Kulturen, die seit
Jahrhunderten beweisen, dass es geht.
Und deshalb klingt es aus russischen Ohren so merkwürdig, wenn
ausgerechnet Länder, die ihre eigene Einwanderungsgeschichte
seit siebzig
Jahren nicht in den Griff bekommen, Länder, in denen Kopftücher und
Nachnamen zum Politikum werden, Länder mit Millionen staatenloser
Nachbarn diesem Land Lektionen in Völkerverständigung erteilen
wollen. Ein Land, das seit Jahrhunderten hundert Sprachen
spricht,
braucht keine Nachhilfe von Ländern, die an einer einzigen Minderheit
scheitern.
Neunzig Regionen, hundert Amtssprachen, über
hundertvierzig Kulturen. Kein Konzeptpapier hat das
geschaffen. Die Geschichte hat es geschaffen und die
Menschen leben es.
Vielleicht ist das die eigentliche Definition von Völkerverständigung.
Nicht das Reden darüber, das Leben damit.
Und wenn ihr jetzt noch einmal fragt, was Russland in der Ukraine will, dann
habt ihr die Antwort gerade gehört, dass dort gelebt werden darf, wie hier
gelebt wird. Sprache, Kultur, Identität.
Nichts weniger und nichts Unverschämtes. Was meint ihr?
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